23
Mrz
2017
1

Krankenhaus

Unaufhaltsam ziehen wir unsere Runden durch Vietnam und nehmen auf dieser Tour dabei offenbar alles mit…Angefangen vom unverschuldeten Unfall, hin zu Flüssigkeiten, die aus allen Körperporen schießen und anderen unvorhersehbaren Zwischenfällen. Mich selbst bringt mein Verdauungstrakt einen ganzen Tag zur Strecke, so dass ich im Hotel bleiben muss. Im Laufe des Tages trifft es auch Alex und sporadisch auch ein paar andere von uns.  Wir tragen alles mit Fassung und genießen jede freie Minute hier – es gibt einfach zu viel zu entdecken auf unserer Reise.

Gerade habe ich gedanklich gerade das Thema Unfall und andere Unpässlichkeiten abgehakt, da werde ich eines Besseren belehrt. Die Natur zeigt uns wieder unsere Grenzen auf. Das wichtigste Thema hier, neben dem Fotografieren, ist eine ausreichende Nahrungs- und Wasseraufnahme. Wasser besonders! Wer nicht genug trinkt, der bereut es bereits kurze Zeit später bitter.
Ela, die ich sonst gern als lebendige Trinkuhr bezeichne, weil sie so vorbildlich viel Wasser trinkt, hat an diesem Morgen trotz aller Ermahnungen nicht genüg Flüssigkeit zu sich genommen und zu wenig gegessen. Und so kommt es wie es kommen muss. Sie bekommt einen Kreislaufkollaps und das weit entfernt von der Stadt, hoch oben in den Bergen, wo die Straßen unbefestigt sind und es teilweise kein Handynetz gibt. Die darauffolgenden Stunden werden zu einer Belastungsprobe für die ganze Gruppe. Im Zweierteam wechseln sich einzelne damit ab, Ela bei Bewusstsein zu halten, die zwischenzeitlich ihre Gliedmaßen nicht mehr spürt. Sie droht in Ohnmacht zu fallen und kann kaum sprechen. Wir machen uns große Sorgen, aber zum Glück sind Ly und Heiko bei uns. Während der nächsten Stunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, bewahrt Ly die absolute Ruhe und gibt uns klare Anweisungen, was zu tun ist. Ela wird stabilisiert, fällt jedoch immer wieder in einen Tranceähnlichen Zustand. Als  sich Elas Zustand nicht maßgeblich verbessert, beschließen wir, in das Krankenhaus in Moc Chau zu fahren und erhalten in den kommenden Stunden eine Lektion über die Neugier und das Mitgefühl der Vietnamesen.
Das Krankenhaus von Moc Chau ist ein großes helles Gebäude mit vielen Seitentrakten. Im Innenhof gibt es eine Garküche, denn in Vietnam ist die Pflege und die leibliche Versorgung der Kranken Sache der Angehörigen. Ela wird aus dem Bus direkt auf eine Trage gepackt und in die Notaufnahme gebracht. Ly, Heiko und Steffen begleiten sie. Wir warten lange im Innenhof und vertreiben uns die Zeit damit, Späße mit den zahlreichen Frauen zu machen, die sich in einer Gruppe hinter uns zusammengescharrt haben. Die Frauen kriegen sich vor Lachen kaum ein darüber, dass wir ein bis drei Köpfe größer als sie sind. Es wird verglichen, abgemessen und gegackert. Nach einer Weile löst sich die Menge auf und wir machen uns auf die Suche nach Ela. Sie liegt in einem Raum gleich neben dem Ärztezimmer. Dass sie dort ist, erkannt man schlichtweg daran, dass sich vor dem Zimmer eine große Schar von Menschen gebildet hat – eine Mischung aus Patienten und Gästen. Die Neugier ist riesig. Alle versuchen durch die geöffneten Türen und Fenster zu schauen, um in Erfahrung zu bringen, was innen vor sich geht. Sie wollen wissen, was passiert ist und fragen uns aus. Mit Händen und Füßen erklären wir, was vorgefallen ist. Das wiederum wird mit großem Interesse und gut gemeinten Tipps über das Tragen von Sonnenhüten quittiert. Schließlich bilden wir eine Art Sichtschutz und lösen die Meute auf. Später am Abend kommen wieder andere vorbei und fragen, ob es schon besser geworden ist. Die ausgeprägte Neugier der Vietnamesen darf man also nicht falsch interpretieren –  sie hat einen Hintergrund, nämlich Anteilnahme. Die Menschen hier sind unglaublich mitfühlend und emphatisch. In Elas Zimmer, das eine Art Notaufnahme zu sein scheint, ist eine weitere Familie. Auch sie ist sehr daran interessiert zu erfahren, was Ela hat. Die Familie hat frisches Obst dabei, das sie jedem von uns anbietet, sobald einer von uns den Raum betritt. Bereits zu Beginn hatte uns schon Huong, unser Fahrer, am Eingang frische gekochte Eier besorgt. Verhungern ist also das Letzte, was uns hier passieren wird, obwohl wir völlig unvorbereitet hier aufgeschlagen sind. Im Laufe des Abends sitze ich mit den anderen aus unserer Gruppe auf der Bank vor dem Zimmer und warte. Neben mir auf der Bank sitzen zwei wunderschöne Omas. Ihr Alter kann ich nur erahnen. Vorsichtig streicheln sie meine Hände und erkundigen sich im Halbstundentakt nach Elas Zustand. Dass mir fremde Menschen die Hand halten und streicheln, ist für mich ein absolutes Novum. Aber es ist ein schönes Gefühl. Man fühlt sich gemeinschaftlich angenommen und ist nicht allein. Wie sehr sich vieles hier vom Leben in Deutschland unterscheidet, denke ich. Obwohl es immer später wird, laufen Kinder über die Gänge. Der Innenhof ist erfüllt von Stimmen und Lachen. Das sind zu Hause keine Geräusche, die man mit einem Krankenhaus verbindet. Hier, in Vietnam schon. Und manche Dinge ähneln sich auch und laufen in gewisser Weise sogar besser. Obwohl die sanitären Anlange keiner Hygieneprüfung standhalten würden und obwohl hier alles auf den ersten Blick schlicht und improvisiert erscheint, gibt es eine Struktur. In regelmäßigen Abständen schaut ein Arzt nach den Patienten (wahrscheinlich sogar häufiger, als es in Deutschland der Fall wäre). Blutwerte sind innerhalb kurzer Zeit da und werden sofort ausgewertet. Die Schwestern schäkern mit den Ärzten und tragen ihre kleinen Nasen ein Stückchen höher als die anderen weiblichen Krankenhausinsassen. Dass alles seinen vietnamesischen Gang geht, ist sehr beruhigend. Da Elas Zustand noch nicht stabil ist, beschließt der Arzt mit Ly, dass Ela noch eine Nacht da bleiben soll. Alex und Tobi bleiben als Stütze bei ihr und verbringen so die Nacht in diesem Krankenhaus. Ein bisschen ticken wir auch schon wie Vietnamesen. Niemand bleibt allein und Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen. Am nächsten Morgen wird Ela entlassen und kommt mit den Jungs zurück ins Hotel. Da sie noch recht erschöpft ist, verlängern wir unseren Aufenthalt in Moc Chau um eine weitere Nacht. Das eröffnet uns die Möglichkeit mit Steffen, Melanie und Alex in ein kleines Dorf zu wandern. In der Hitze des Mittags werden wir in die Häuser der Dorfbewohner eingeladen und genießen ein letztes Mal die Gastfreundschaft der Menschen hier.
Alles hat seinen Sinn. Es ist schön, dass es Ela wieder besser geht. Ich habe gesehen, wie fremde Menschen Anteil am Schicksal eines anderen fremden Menschen  genommen haben – echten Anteil. Obwohl Krankenhäuser nicht unbedingt ein Ort der Freude sind, wurde an diesem langen Abend viel gelacht und erzählt.
Uns hat das Erlebnis als Gruppe noch enger zusammengeschweisst. Ich habe die Bitte ans Universum formuliert, dass wir ab jetzt nichts Aufregendes in der Art mehr brauchen. Ein paar Tage mit Durchfall wären akzeptabel. Hat geklappt. Heute morgen habe ich mir einen neuen Vorrat gelber Pillen von der Ausgabestelle verabreichen lassen. Ach ja…. Melanie hat jetzt komischen Ausschlag am Hals….
Bilder: Tobias Löhr (der die Nacht im Krankenhaus nutzte, um das zu tun was ein Fotograf so macht)
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2 Responses

  1. Markus Müller

    Danke für die ehrlichen und interessanten Zeilen, Stefan. Es ist wichtig bei aller Romantik deiner Reisen auch mal zu berichten daß es eben doch nicht der deutsche Wald kurz vor der Großstadt ist, sondern etwas weiter weg und etwas wilder.
    Ich hoffe euch geht es trotzdem wieder gut und ihr lasst euch nicht unterkriegen. Für solche Reisen sind übrigens immer rauhe Mengen Kohletabletten gut… und wenn man die nicht braucht halten sie wenigstens noch die Kameras trocken 😉

    Grüße an alle.

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