18
Mrz
2017
0

Every day feels like a week

Nachdem wir am Vorabend bereits aufgrund des Wetterberichts (34°C, Sonne) entschieden haben, dass wir möglichst früh zu den Wasserfällen von Thi Tran Muong Cha an der vietnamesisch-laotischen Grenze aufbrechen sollten, klingelt mein Wecker am 7. Tag unserer Vietnamreise tatsächlich um 05:00 Uhr. Nicht ganz meine Uhrzeit, aber das frühe Aufstehen wird sich als gute Idee herausstellen. Da wir schon die ganze Zeit abseits von Touristenpfaden unterwegs sind, reiht sich auch der heutige Ausflug in unser Abenteuer ein.

Auf dem Weg zum Wasserfall stehen wir an einer Vollsperrung, da auf der Bergstraße ein Abhang hinabgestürzt ist und Räumungsarbeiten stattfinden. Nach einer Stunde Wartezeit mit anderen Wegbegleitern geht es weiter und wir wandern den Weg zum Wasserfall hinab, ein unbefestigter Pfad mit viel Gebüsch. Wir kommen an einem ehemaligen Pumpwerk vorbei – einem Lost Place mit ganz besonderem Charme. Am Wasserfall angekommen sind wir von der Naturgewalt beeindruckt. Ich muss an den Höhlenbesuch am Vortag denken, wo wir in der hintersten Kammer unsere Stirnlampen ausschalteten und einige Minuten die absolute Stille und Dunkelheit genossen. Heute lauschen wir bei strahlendem Sonnenschein einem tosenden Wasserfall, und doch – oder gerade deswegen – erinnert es mich an die Situation in der Höhle. Jeder sucht sich ein Plätzchen auf den großen Felsen, Alex traut sich ganz nah an den Wasserfall und geht baden, andere kühlen ihre Füße im kühlen Nass ab. Ich komme mir vor wie auf einem Abenteuerspielplatz, springe von Felsen zu Felsen, suche mir meinen Weg und rutsche fast aus. Da lasse ich mein Handy und die Kamera dann doch lieber im Trockenen, in Sicherheit. Eine recht clevere Idee wie sich später herausstellt. Wir entscheiden die heutige Photography Class an einem schattigen Ort beim Wasserfall durchzuführen.

Steffen erzählt uns von einem Hochzeitsauftrag, bei dem er weiße Krokodillederschuhe und ein Sakko mit rotem Innenfutter trug. Es geht um die visuelle und nonverbale Kommunikation eines Fotografen und wie man mit dem ersten Eindruck überzeugt. Anschließend balancieren wir über die riesigen Felsen zurück und da passiert es: Ich zögere an einem Felsen, traue mich nicht hinüberzuspringen, rutsche in meiner Unsicherheit aus und falle ins flache Wasser – zum Glück ohne Equipment, jedoch bestens dokumentiert in den Instagram Stories meiner aufmerksamen Weggefährten. Auf dem Rückweg zum Hotel fällt mir auf, dass wir schon seit einer Woche unterwegs sind. Ich denke an eines dieser Poster, die wir auf der Arbeit hängen haben: Every day feels like a week. In der Tat haben wir das Gefühl von Zeit verloren (welcher Wochentag ist heute?), die Gruppe fühlt sich so vertraut an und auch die letzten von uns (ich nenne keine Namen) haben sich inzwischen aufgelockert und sind ganz sie selbst.

Wir machen noch einen Zwischenstopp in einem Dorf, das in der Abendsonne herrlich angestrahlt wird. Wir schwärmen aus, gehen inzwischen ganz natürlich und offen auf die Bewohner zu, begrüßen sie und schaffen Begegnungen. Ich unterhalte mich mit einigen der Dorfkinder, wir lachen und plötzlich habe ich eine Traube von 20 Kindern um mich herum, mit denen ich herumalbere und am Ende Selfies mache. Ihre Gesichtsausdrücke, das Gelächter, das Glück, der Moment: unbezahlbar. Dass meine Hose immer noch nicht ganz trocken ist, habe ich längst vergessen.

Nach dem gemeinsamen Abendessen ziehen Melanie, Tobias und ich noch mal in das Zentrum von Dien Bien Phu. Nach einem Spaziergang am Siegesdenkmal, wo sich viele junge Menschen in den Abendstunden tummeln, entscheiden wir uns in die am schrillsten und mit den buntesten LED’s dekorierte Karaokebar zu gehen. Wir laden uns in die Privatlounge einer Großfamilie ein, uns werden sofort Bier, Bananenchips und getrockneter Fisch angeboten und wir ernten ganz offene und interessierte Blicke. In den nächsten 60 Minuten wird gesungen, getanzt, geklatscht, gefeiert – so herzlich werden wir von der Familie aufgenommen und verabschieden uns allmählich, auch wenn die Karaokemaschine unser Wunschlied von Lionel Richie dieses Mal nicht abspielen mag. Morgen fahren wir nämlich weiter nach Moc Chau, der Wecker ist auf 5:30 Uhr eingestellt.

Text: Shankho Mukherjee

Fotos: Tobias Löhr, Shankho Mukherjee

 

Vietnam_1 Vietnam_2 Vietnam_3 Vietnam_4 Vietnam_5 Vietnam_6 Vietnam_7 Vietnam_8 Vietnam_9 Vietnam_10 Vietnam_11 Vietnam_12 Vietnam_13 Vietnam_16 Vietnam_20 Vietnam_21 Vietnam_22 Vietnam_23DSC01398DSC01384 Vietnam_28 Vietnam_29 Vietnam_30 Vietnam_31 Vietnam_32 Vietnam_33 Vietnam_34 Vietnam_35 Vietnam_36 Vietnam_37 Vietnam_38 Vietnam_39

You may also like

Die letzten Tage in der Halong Bay
Reset meines Lebens -Vietnam
Einen Gin Serpentine bitte!
Eingemauert

3 Responses

  1. G. Mukherjee

    This Blog is simply wonderful. A total stranger gets a vivid idea about that far off land. For the pictures, I don’t have words. As one goes through the colorful gallery of pictures, the first striking observation for me has been the pictures of the sweet, lovely kids smiling, total happiness personified in their faces. Even the grown ups in their colorful garb look happy, singing people.
    The second most striking point for me is the rich greenery of the landscape. It seems to be such a picturesque country, with its hills & dales & waterfalls. I can hardly wait to be there.
    The third point is not very clear to me. It seems to be some custom of killing of an animal. Truly speaking it is a bit difficult to bear with the eyes. But custom is a custom, if it is so.
    Thus, all in all, it is really a very good blog. It can be of great help to the people who want to go to Vietnam.
    Thank you ever so much for sharing this.

Leave a Reply